Ist Palhinha Bayerns Wunderwaffe gegen Inter? Vor diesem Zwiespalt steht Kompany
Von Dominik Hager

Joao Palhinha kommt beim FC Bayern noch nicht so recht auf Touren und nicht wenige Experten sehen den Portugiesen als möglichen Verkaufskandidaten. Der defensive Mittelfeldspieler zeigte sich davon aber bisher unbeeindruckt.
"Solche Gerüchte kümmern mich nicht sonderlich", erklärte er nach dem Sieg gegen St. Pauli bei Sky. "Das Feedback des Trainerteams ist positiv. Sie pushen mich und ich gebe alles, was ich habe", führte Palhinha fort. Grundsätzlich ist Palhinha ein Spieletyp, der gerade in der heißen Phase der Saison ungeheuer wertvoll werden könnte. Schlägt nun also vielleicht schon in den Champions-League-Duellen gegen Inter Mailand seine große Stunde?
Die Möglichkeit dazu bestände durchaus, wenn man sich die Personalsituation der Bayern und das Stärke-Schwächen-Profil von Inter Mailand ansieht. Eine Problematik der Bayern besteht definitiv darin, dass in der Defensive ohne Alphonso Davies und Dayot Upamecano viel Qualität und Geschwindigkeit fehlt. Sollte auf der linken Seite Raphael Guerreiro auflaufen, haben die Münchner hier schon mal eine defensive Schwachstelle. Bedenkt man jedoch, dass Denzel Dumfries zumindest für das Hinspiel (8. April) ausfallen könnte, droht die große Gefahr auch nicht unbedingt von der Außenbahn. Vielmehr lebt Inter von seinen grandiosen zentralen Mittelfeldspielern und Stürmern. Selbst wenn Lautaro Martínez fehlen sollte, hat Inter hier hervorragende Qualitäten.
Inter-System stellt Bayern-Zentrum auf die Probe
Das 3-5-2-System von Inter fordert in erster Linie das zentrale Mittelfeld der Bayern und die Innenverteidigung. Ziemlich sicher ist schon jetzt, dass das Abwehr-Duo Kim min-jae und Eric Dier gegen Marcus Thuram und womöglich Lautaro Martínez alle Hände voll zu tun haben wird. Es könnte also durchaus helfen, wenn ein echter Sechser die Innenverteidiger bei ihrer Arbeit unterstützt.
Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die zentralen Mittelfeldspieler der Münchner auch gegen das Inter-Mittelfeld irgendwie bestehen müssen. Angesichts der Tatsache, dass die Mailänder hier Stars wie Hakan Calhanoglu, Nicolo Barella und Davide Frattesi aufbieten können, wäre aus Bayern-Sicht ein Sechser, der die Abwehr unterstützt und nur ein weiterer zentraler Mittelfeldspieler riskant.
Systemumstellung bei den Bayern? Sané könnte für Palhinha weichen
Folgerichtig muss sich Vincent Kompany Gedanken machen, ob er sein System nicht auf ein 4-3-3 umstellen möchte. Dies würde damit einhergehen, dass der zuletzt treffsichere, aber schwankende Leroy Sané seinen Platz räumen muss. Jamal Musiala, Michael Olise und Harry Kane wäre es absolut zuzutrauen, auch als Trio vorne für Gefahr sorgen zu können. Eine Reihe dahinter könnte Palhinha mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka ein Dreieck bilden.
Die Hereinnahme des Portugiesen würde dafür sorgen, dass man zahlenmäßig gleich stark im Mittelfeld aufgestellt wäre wie Inter und Kimmich und Goretzka mehr Freiheiten hätten, um sich offensiv in Szene zu setzen. Mit dem Tausch Palhinha für Sané wäre auch das Problem nicht mehr so groß, wenn mit Guerreiro links hinten ein offensiv orientierter Spieler aufläuft.
Darum wäre eine Systemumstellung im Hinspiel trotzdem ein Fehler
Bei all dem ist aber natürlich auch reichlich Vorsicht geboten. Nicht wenige große Coaches sind damit auf die Nase gefallen, in einem wichtigen Spiel plötzlich das System zu wechseln und defensiver aufzustellen. Zudem ist es nicht immer der richtige Entschluss, wenn man sich bei seiner Aufstellung zu sehr am Gegner orientiert. Hinzu kommt, dass der FC Bayern oft nicht besonders gut in der Champions League damit gefahren ist, eher auf die Defensive zu setzen. Dies entspricht auch nicht der Mentalität der Münchner, die mit einer aktiven Spielweise ins Finale vorstoßen möchten.
Bedenkt man, dass das Hinspiel in München stattfindet, wäre es wohl eher sinnvoll, die Risiko-Variante zu wählen. Die Bayern sind in der Königsklasse sehr heimstark und sollten sich größtenteils auf ihre Stärken konzentrieren. Dafür spricht, dass alle Offensivkräfte zur Verfügung stehen und Inter wohl eher auswärts ins Schleudern gerät als im San Siro. Die möglichen Ausfälle von Lautaro Martinez und Denzel Dumfries tragen dazu bei. Natürlich muss der FC Bayern berücksichtigen, dass man defensiv eine personelle Ausnahmesituation hat. Um für mehr Stabilität zu sorgen, könnte es aber schon reichen, Josip Stanisic anstelle von Guerreiro nach hinten links zu stellen. Damit würde man sich offensiv weniger berauben als mit einer Hereinnahme von Palhinha für Sané.
Bei Bayern-Sieg im Hinspiel: Palhinha im Rückspiel eine sinnvolle Option
Sollte sich ein erfreuliches Hinspiel-Ergebnis für den FC Bayern einstellen, wäre die Konstellation auswärts aber natürlich eine etwas andere. Hier besteht dann natürlich auch die Gefahr, dass die angeschlagenen Spieler wieder topfit sind und Inter mit der Unterstützung des Publikums einige PS im Vergleich zum Hinspiel zulegen kann. Genau hier wäre dann der Moment gekommen, dass Mittelfeld-Zentrum zu stärken, um nicht Gefahr zu laufen, von den Italienern überrannt zu werden.
Sieht man sich die Auswärtsspiele in der laufenden Champions-League-Saison an, war immer wieder zu sehen, dass das Konstrukt der Bayern fragil ist, wenn der Gegner offensiv agiert und Druck ausübt. Angesichts der dezimierten Defensive wäre ein Palhinha auf der Sechs womöglich Gold wert. Es würde sich aus Bayern-Sicht anbieten, eher Inter kommen zu lassen und auf vereinzelte Nadelstiche zu setzen. Die Qualität dazu hat die Offensive allemal.
Fazit
Vincent Kompany steht vor dem Zwiespalt, die Defensive und das Zentrum zu stärken oder aber auf die Bayern-DNA und die Flucht nach vorne zu suchen. Die Zeit für Palhinha ist beim Hinspiel noch nicht gekommen. Selbst wenn er dem FC Bayern mehr Stabilität bieten könnte, gilt es hier, vor allem auf die eigenen Stärken zu setzen und mit einer dominanten und mutigen Offensiv-Vorstellung einen Heimsieg einzufahren. Sollte dieser gelingen, wäre ein Systemwechsel auf 4-3-3 in Hinblick auf das Rückspiel eine sehr interessante Möglichkeit. Sollten die Bayern das Hinspiel hingegen verlieren, wäre all das natürlich wieder hinfällig und eine offensivere Aufstellung ratsam.
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